Lehren als Lernbehinderung?

Durch die Diskussionen um LdL angeregt, haben mich grundsätzliche Gedankengänge zum Thema Lernen und Lehren bewegt:

Das „Problem“ des Lernens und Lehrens hat für mich besonders prägnant Klaus Holzkamp formuliert. Bereits 1991 veröffentlicht wurde der Aufsatz „Lehren als Lernbehinderung“

Hier weisst Holzkamp unter anderem auf, dass das Lehren und Lernen eine (schul-) strukturelles Problem ist und das die Institution Schule mit ihren Kontrollmechanismen per se schon Widerstände bei den Lernenden erzeugt.

Diese Widerständigkeit gilt es meines Erachtens als Lehrperson wahr- und ernstzunehmen. Die Reflektion dieser Widerständigkeit und das Nachdenken über die eigene Bildungssozialisation kann dann zu einem anderen Lehrverhalten führen.

Dynamisches Geometriesystem als Werkzeug

Im Rahmen von diversen Gedankengängen für meine Promotion dreht sich momentan Einiges um die kulturhistorische Theorie. Eine zentrale Annahme darin ist, dass sich die Gesellschaft  ihre jeweiligen Verhaltensmuster mithilfe der Instrumente oder Werkzeuge der materiellen Welt formt. Also frage ich mich,  wie sich der Einsatz von spezifischen Computerprogrammen als Artefakte der Kultur auf die onto- und phylogenetische Entwicklung auswirken.

Ist ein dynamisches Geometriesystem im Sinne der kulturhistorischen Theorie ein Werkzeug?

Egal was ich recherchiere, google, oder lese, eine Antwort auf die o.g. Frage finde ich bisher nicht:

Das Buch „Lerntätigkeit-Lenrnen aus kultur-historischer Perspektive“ liefert einen selten dagewesenen guten Überblick über die kulturhistorische Theorie und gibt Anregungen für ein neues Verstäniss von Lehren und Lernen. Der Bereich Computer und „neue Medien“ wird allerdings 2006 nur am Rande bearbeitet.

Die Arbeit von Katja Manski „Lernen im Medienumbruch“ geht u.a. kritisch mit gängigen Medientheorien um. Besonders gut gefällt mir die duale Sicht auf  Medien sowohl als „Technisches Substrat“ wie auch als „Bedeutungsgenerierende Instanz“.

Andere Arbeiten befassen sich mit CSCL-computer supported collaborative learning. Michael Klebl, der an der Fernuni Hagen eine Juniorprofessur hat, betont in seiner Antritssvorlesung 2006 zwar sehr gut den in der  kulturhistorischen Schule zentralen Begriff der Tätigkeit, beantwortet aber meine Frage auch nicht.

Zone of proximal develoment

Im Rahmen des Tages des Wissenschaftlichen Nachwuchses an der Pädagogischen Hochschule in Ludwisgburg, hat am letzten Freitag Prof. Dr. Schnotz von der Universität Koblenz-Landau einen Vortrag gehalten: „Wie anstregend muss Lernen sein?“

Hierbei wurden Teile der Cognitive Load Theory mit der Idee der Zone der nächsten Entwicklung (engl. Zone of proximal development, kurz ZPD) von Vygotsky kombiniert. Die Art und Weise wie ein einzelnes Stück aus der Theorie von Vygotsky herausgenommen wird und m.E. auch noch teilweise nicht im vollen Kontext erfasst wird, habe ich bei der ZPD schon öfters erlebt.

Vygotsky hat das Konzept der ZPD in seinem Spätwerk 1933 erstmals ausgeführt. Wolfgang Jantzen weist in seinem Aufsatz „Die Zone der nächsten Entwicklung -neu betrachtet“ die Begriffsgenese deatiliert nach. Ausgehend von einem Theoriedefizit bei der psychologischen Analyse der Unterrichts entwickelt Vygotsky u.a. folgenden Gedankengang:

Bisherige Theorien beschreiben nur unzureichend den Zusammenhang zwischen Entwicklung und Lernen.  Will man die Beziehungen zwischen dem kindlichen Entwicklungsprozess und den Lernmöglichkeiten erforschen, muss man zwischen zwei unterschiedlichen Entwicklungsstufen unterscheiden: Der Stufe auf der ein Kind ohne fremde Hilfe Aufgaben bewältigen kann und der Stufe, die ein Kind mit Hilfe anderer erreichen kann. Der Raum der dazwischen liegt und das darin enthaltene Potential beschreibt Vygotsky als Zone der nächsten Entwicklung:

It is the distance between the actual developmental level as determined by independent problem solving and the level of potential development as determined through problem solving under adult guidance or in collaboration with more capable peers.

Der Gedankengang des Potenials der Funktionen die innerhalb der ZPD liegen, wird durch die Übersetzung u.a. von Bernd Fichtner deutlich:

Funktionen die noch nicht ausgereift sind, sondern sich im Reifungszustand befinden. Funktionen, die morgen reif sein werden, sich aber jetzt in einem embryonalen Zustand befinden. Diese Funktionen sollte man als Knospen oder Blumen der Entwicklung bezeichnen, und nicht als Früchte der Entwicklung

Im Kontext der kulturhistorischen Schule ist hier vor allem der Aspekt der Kooperation, der Interaktion mit Anderen bedeutsam. Lernen kann so als spezifisch humaner Prozess gesehen werden, der dem Entwicklungsstand immer eine Stufe voraus ist.

Vernetzung

Der Begriff der Vernetzung ist seit Jahren so präsent, dass er für mich schon inflationär ist. Die Welt ist technisch durch das Internet vernetzt, beruflich soll ich Netzwerke bilden, privat natürlich auch….

Als Gedanken habe ich Bilder von eher radialen Spinnennetzen, oder auch von Fischernetzten mit einer unterschiedlichen Maschenweite im Kopf. Meine Gedanken gehen dabei immer wieder zwischen dem eigentlichen Material – also dem Faden der Spinne, oder dem Tau des Fischers- und den Zwischenräumen hin und her. So richtig zufrieden war ich mit dem Gedankengang an ein Netzwerk bisher nicht.

Seit einigen Tagen bin ich in einem Netzwerk Mitglied, dass sich als  Bild der Vernetzung die Maschen in Maschendrahtzäunen gewählt hat. Von der aktiven Teilnahme in dem Netzwerk erhoffe ich mir einen regen Austausch zwischen Studenten und Lehrenden.

E-Learning und E-Teaching

Unter dem o.g. Titel biete ich an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg ein Seminar für zukünftige Lehrer an. Nachdem ich die Erwartungen der Studenten geklärt habe sind wir mit etwas Theorie gestartet, haben in Mindmeister eine Map zum Thema Lernen gestaltet und Christian Spannagel hat mit den Teilnehmern gewtittert.
Ein unter Moodle eingerichtetes Forum zu den Begriffen Kommunikation und Kollaboration wurde nur schwach besucht. Auf Rückfrage wurde mir u.a. geantwortet, dass so viele andere Seminare paralell laufen, die automatische Zusammenfassung der Forumsinhalte per Mail als gelesen markiert und dann gelöscht wird, die Begriffe Kommunikationund Kollaboration zu abstrakt und theoretisch sind.

Wir haben vereinbart, dass ich mich um einen Expertenchat zum Thema E-Learning in der Schule kümmern werde. Hierbei soll einerseits der Praxisbezug zu einer externen Person ermöglicht werden, andererseits soll Kommunikation im Kontext von E-Learning erlebbar werden.

Vygotski und Web 2.0

In der kulturhistorischen Schule der russischen Psychologie ist u.a. durch Vygotski das Konzept der Tätigkeits-, bzw. Aktivitätstheorie entstanden. Eine Grundannahme der Theorie ist, dass sich der Mensch durch die Schaffung spezifischer Werkzeuge die Umwelt aktiv/tätig aneignet. Diese Werkzeuge werden in der menschlichen Entwicklung künstlich erschaffen und der Charkter der Werkzeuge hat stets einen kulturellen und historischen Hintergrund.

Durch Aktivitäten / Tätigkeiten und die Art und Weise der Werkzeuge ändert sich auch das menschliche Bewußtsein. In meinem Gedankengeng bewegt mich die Frage, wie das Internet als Werkzeug das menschliche Bewußtsein bisher verändert hat und welche Entwicklung das Ganze durch Web 2.0 nehmen wird.

Gedankengang

In diesem Blog möchte ich meine Gedankengänge öffentlich machen. Hierzu zählen in erster Linie Gedanken, die mich im Kontext meiner Mitarbeit an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg beschäftigen. Im Rahmen eines Forschungsprojektes arbeite ich gemeinsam mit Christian Spannagel an „Informatikspezifischen Prozessen beim Lehren und Lernen mit dem Computer“.

In meinen Gedankengängen bewegen sich viele Autoren und Artikel, Begriffe und Beschreibungen, Bücher und Gespräche, die sich schon seit Jahren um die Themen Lernen und Lehren, Jugendliche und Erwachsene, E-Learning und Präsenzlernen bewegen.

Mein Blog soll andere dazu einladen, Ihre Gedanken mit meinen zu teilen. Vielleicht können wir den einen oder anderen Gang gemeinsam gehen, neue Gänge entdecken, oder uns an Kreuzungen treffen. Ich werde hier also zukünftig meine Gedankengänge veröffentlichen.